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Aquakultre: 1783 (Review)

Artist:

Aquakultre

Aquakultre: 1783
Album:

1783

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Soul, Folk, Blues, Jazz, HipHop, Spoken Word, Funk

Label: Next Door Records
Spieldauer: 55:14
Erschienen: 06.02.2026
Website: [Link]

Irgendwie wundert man sich ja nicht, dass eine politisch so ambitionierte, historisch informierte und zugleich versöhnungsbereite Platte wie "1783" von Lance Sampson alias AQUAKULTRE nicht aus den USA kommt, sondern aus Kanada. Ist das Land mit der Ahornblatt-Flagge nicht ohnehin längst der bessere Teil Nordamerikas? Man muss ja nur auf die Qualität seiner demokratischen Kultur und seines Führungspersonals im Vergleich zum aggressiven Nachbarn USA schauen, ich sage nur: Mark Carney versus Donald Trump. Noch Fragen? Wer Kanada  glorifiziert, könnte allerdings glatt übersehen, dass auch das Riesenland im hohen Norden des amerikanischen Kontinents seine Unterdrückungsgeschichte hat.


Dazu gibt es inzwischen erschütternde Studien und Dokumentationen - und Künstler, die den Finger in die Wunde rassistischer, menschenfeindlicher Verfehlungen und Ungerechtigkeiten legen. Wie eben der Sänger und Rapper Sampson, der als AQUAKULTRE seit Jahren tolle Musik macht und nun, mit dem dritten Album "1783", auf dem Gipfelpunkt seines auch politisch relevanten Songwritings angekommen ist. Denn dies ist nicht nur ein über 17 Tracks musikalisch hochgradig faszinierendes Konzeptalbum mit einer superben Mixtur aus Soul, Jazz, Folk, Blues, Funk und HipHop, sondern zudem eine äußerst spannende kanadische Black-History-Erzählung mit teils persönlichen Hintergründen aus Sampsons Familiengeschichte bis heute.


So geht das im schlurfenden Rhythmus eines Häftlingsmarsches sich dahinschleppende Blues-Gospel-Stück "Gallows" auf das Schicksal eines Vorfahren von Lance Sampson zurück: "Mein Ururgroßvater Daniel Perry Sampson wurde zu Unrecht wegen Mordes verurteilt und 1935 hingerichtet. Seine Geschichte wurde mir von meiner Großmutter Carolyn Sampson erzählt, die immer erkannte, dass etwas faul war, etwas nicht stimmte mit dem, was ihrem Großvater widerfahren war", sagt der Musiker aus Halifax/Nova Scotia. "Ich habe 90 Jahre später mit dieser Recherche begonnen - und sie hatte Recht, sein Fall war ein Justizirrtum. Das Lied ist aus seiner Perspektive geschrieben, in seinen letzten Momenten vor seiner Hinrichtung am Gerichtsgebäude in Halifax."

Und natürlich ist auch der Albumtitel von AQUAKULTRE nicht zufällig gewählt. "Als 1783 der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg zu Ende ging, verließen 3000 Menschen afrikanischer Herkunft New York und segelten nach Nova Scotia, wo ihnen Land und Freiheit versprochen worden waren, und begründeten damit eine einzigartige Kultur in dieser Provinz", schreibt Lance Sampson auf seiner Bandcamp-Seite. Das tief in diese Geschichte einsteigende Album würdige also "einen einzigartig widerstandsfähigen Teil der schwarzen Diaspora, der als Leuchtfeuer für eine bessere Zukunft fungiert".


All das ist nun schon berührend genug - die elf Songs und sechs Interludes sind es in ihrer kompositorischen Qualität nicht weniger. Schon der Opener "What Are You Sayin'" bläst einen mit seinem samtig-jazzigen Motown-Sound in der Tradition eines Marvin Gaye, Stevie Wonder oder Donny Hathaway regelrecht um. "Holy", "Black Doll" und "I'll Be Damned" sind ähnlich intensive, aus der schwarzen Musik Amerikas süßesten Honig saugende R&B-Crooner-Balladen, die Sampson als einen der besten, komplettesten Soul-Sänger seit der großen Zeit von Prince präsentieren.


Aber es geht auch diverse Male rauer zu, etwa in dem mit Slide-Gitarre folkbluesig aufgeladenen Song "Matriarchs", in dessen Gospel-Finale die Sängerin Linda Carvery auftrumpft wie eine kanadische Mavis Staples. Und in "Make That Change", einem Lied über den Kreislauf der Gewalt innerhalb seiner Community, erweist sich Sampson auch noch als formidabler Rapper. Die zwischen den Songs plazierten Interludes lassen entweder Verwandte des Musikers in alten Aufnahmen zu Wort kommen ("Old Bones") - oder ihn selbst, der etwa im Spoken-Word-Stück "Father's Fresh Start" von toxisch veranlagten männlichen Vorfahren erzählt, deren Negativ-Beispiel ihn zu einem besseren Menschen und Vater gemacht habe ("My son will be a good man").


Das Ungewöhnliche ist, dass die meist kurzen, teils hörspielartigen Zwischenteile den wunderbaren Flow des Albums nicht unterbrechen, sondern den erzählerischen Bogen von "1783" perfekt ergänzen. Mit dem Soul/HipHop-Closer "Scotia Born" geht dieses Black-Music-Meisterwerk angemessen hymnisch zu Ende.


Es ist keine geringe Sensation, wie leicht und zugänglich "1783" letztlich klingt - spiegelt sich in den Texten von AQUAKULTRE doch "das jahrhundertelange Gewicht, das auf schwarzen Körpern, schwarzen Familien, schwarzer Erinnerung und schwarzer Vorstellungskraft lastet", wie der "Gallows"-Videoregisseur Sobaz Benjamin (bekannt für seine Dokumentation "Race Is a Four Letter Word") betont. Es gehe bei diesem Konzeptalbum "um die Architektur der Unterdrückung, ja, aber viel tiefer geht es darum, was wir damit gemacht haben. Es geht um das Wunder der Transformation." Lance Sampson spricht - mit etwas anderen Worten - von einem "Appell, wieder zu Verbundenheit und Gemeinschaft zurückzufinden".


FAZIT: Nein, es verwundert tatsächlich nicht, dass eine Platte wie "1783" fast 250 Jahre später nicht aus den kaputten USA kommt, sondern aus dem viel freundlicheren, dabei (selbst)kritikfähigen Nachbarland Kanada. Dieses Album ist eine gut 50-minütige Unterrichtsstunde in schwarzer Musik und schwarzer Geschichtsschreibung. Fabelhaft.

Werner Herpell (Info) (Review 69x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
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Tracklist:
  • What Are You Sayin'
  • Bags Packed
  • Letter To The No. 2 Construction Battalion
  • Holy
  • La Joux
  • The Great Judgement Morning
  • Gallows
  • Keep Me Down
  • Make That Change
  • The Avenue
  • Old Bones
  • Black Doll
  • Matriarchs
  • Father's Fresh Start
  • I'll Be Damned
  • Show Me The Way To Go Home
  • Scotia Born

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

  • 1783 (2026) - 13/15 Punkten
Interviews:
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